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THE DAY AFTER

Veröffentlicht von Administrator (admin) am Jul 19 2006
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DIE SAUEREI
Der natürliche Feind von Stanniolkugel und Kaugummi ist der Schulwart. Im Bundesrealgymnasium in der Franklinstraße 21 in Wien XXI sind gleich vier Vertreter dieser Spezies zum Äußersten bereit. Wir schreiben den ersten Ferientag. Seit sieben Uhr sind Helene Fröschl, Dragica Jovanovic , Ernst Dam und Christian Veraszto im Einsatz. Das Äußerste ist hier von Nöten. Das Äußerste verlangen ihnen Schüler und Lehrer des ehemaligen Floridsdorfer "Bubengymnasiums" ab. Wo weiland ein gewisser Hannes Androsch die Reifeprüfung bestanden hat, sind die Schulwarte von heute mit einer "echten Sauerei" konfrontiert. Die Garderoben im Keller spotten ihrer Beschreibung keineswegs. In und zwischen den Spinden finden sich zahlreiche achtlos weggeworfene Haus-, aber auch Marken-Turnschuhe, diverse Utensilien für den Bastelunterricht, leere Plastikflaschen, Schuhschachteln, alte Zeitungen und vieles mehr.

DIE Sklaven
Natürlich darf auch ein weiterer Klassiker des Schulmülls nicht fehlen: Es handelt sich dabei um das schon vor mehreren Monaten geschmierte Jausenbrot, welches sich auf Grund all der Krabbeltiere in Wurst, Käse, Butter und Gebäck längst alleine fortbewegen könnte. "Der Müll wird mit jedem Jahr mehr", klagt Ernst Dam, der seit sieben Jahren beim großen Kehraus dabei ist. Der Schulwart macht dafür übrigens weniger die Schüler als deren Lehrer verantwortlich: "Das ist hier die vierte Schule, in der ich arbeite. So wenig Disziplin habe ich nirgendwo sonst erlebt." Was ihn auch ärgert: "Es gibt noch immer Lehrer, die meinen, dass wir ihre Sklaven sind." Viel Zeit zum Jammern haben die Schulwarte nicht. Ein Gymnasium für 1100 Schüler und 90 Lehrer wird nicht an einem einzigen Ferientag entmüllt. Ausgerechnet dann, wenn selbst gute Freunde und Bekannte die Schulwarte im ungerechtfertigt langen Urlaub wähnen, fällt für sie die meiste Arbeit an. Denn mit den Garderoben allein ist es lange nicht getan. Das wahre Vermächtnis der lieben Schüler und Lehrer wartet in den Klassenräumen auf sie.

Die Bombe
Zahlreiche Räume sehen so aus, als hätte hier vor dem "Day after" - bei der Zeugnisverteilung - tatsächlich eine Bombe eingeschlagen. Allerlei Verpackungen, die man auch bei Billa und Spar zu sehen bekommt, liegen hier auf dem Boden. Neben einem Geodreieck, einem Mitteilungsheft und einer Englisch-Hausübung aus dem Oktober 2005. Während das Konferenzzimmer wie ausgestorben wirkt (nur eine Professorin für den Werkunterricht zählt und ordnet Schulschlüssel), kann Helene Fröschl in der 2B aus dem Vollen schöpfen. Der Fahrplan für die Schulwarte ist bis Schulbeginn sonnenklar: Erst kommt der Müll weg, dann müssen Schulbänke und Sessel auf den Gang geräumt werden. Dann werden Staub auf den Fensterbänken und Heizkörpern sowie Kreide auf den Schultafeln gewischt. Dann Tische und Sessel gewaschen. Dann die Fußböden mit Öl eingelassen. Dann die Klos geputzt. Und die Turnsäle. Wenn dann die Klasseneinteilung fertig ist, kommen Tische und Sessel wieder in die Klassenräume.

Die Hand

"So vergeht bei uns ein Sommer", sagt Christian Veraszto. Im schmalen Zeitfenster zwischen 4. und 9. September (das entspricht der ersten Woche nach dem Schulbeginn) sei die Schule "einigermaßen sauber. Danach könnten wir aber gleich wieder von vorne beginnen." Als Dankeschön für die grobe Arbeit gibt es "die Hand", wie Ernst Dam die seiner Meinung nach zu geringe Wertschätzung seines Berufsstandes umschreibt. Der Verdienst der vier Schulwarte liegt gestaffelt zwischen 1000 und 1250 Euro netto. Und ihr Urlaub ist auch nicht so lang wie der der Lehrer (fünf Wochen). Auch Karl Hochschorner, Direktor des 21er-Gymnasiums, arbeitet am ersten Ferientag. Er brütet darüber, welche Schüler im Schuljahr 2006/07 in welche Klasse gehen und von welchem Lehrer sie unterrichtet werden, während die beiden Sekretärinnen zahlreiche An- und Abmeldungen entgegennehmen. Alles wie immer. Nur die Schüler und Lehrer gehen ab.

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